
Der Spiegel schreibt heute über den Tod der Detroiter Autoszene. Deren Chefs haben jahrzentelang in unbelehrbarer Arroganz Autos produziert, die sowohl am Geschmack, als auch an den Bedürfnissen potenzieller Käufer vorbei-hm-”gingen”. Fragen zur Umweltverträglichkeit, Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit wurden mit überdimensionierten Autoshows und noch größeren Autos einfach davongeeilt. Wenigstens darin war die Autoszene uneinholbar.
Die 4 Titel der WAZ-Mediengruppe sehen sich in 2008 einer ähnlichen Situation gegenüber: 11 Millionen Euro Verlust, sinkende Auflagenzahlen, sinkende Anzeigenerlöse, steigende Tariflöhne. Dabei steht der Monopolist mit seinen Titeln, die “Westdeutsche Allgemeine Zeitung“, die “Westfälische Rundschau“, die “Westfalenpost” und die “Neue Ruhr/ Rhein-Zeitung“, nur noch am Rande im Wettbewerb gegenüber unabhängigen Verlagen. Selbstverständlich muss in dieser Situation an Umstrukturierung und Neuausrichtung gedacht werden. Vor allem, wenn diese Probleme seit Jahren schon bekannt sind. Leider sind Verlage nicht dagegen gefeit, Unternehmensberater ins Boot zu holen, die ihnen ein gewöhnliches und teuer bezahltes Mantra über Einsparungen und Entlassungen vorbeten. Das sollte nun wirklich nicht überraschen. Und so bekommt WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach und sein Team hübsch designte Präsentationen über Verlustrechnungen, Jahresprognosen und Einsparpotenziale vorgelegt, die ihnen erwartbare Verluste von über 40 Millionen Euro für 2009 prognostizieren.
Der Griff zur Keule, also zum Kahlschlag, ist natürlich die einfachste Lösung. So ist beispielsweise die Rede von einem Stellenabbau, der aus 900 Arbeitsplätzen 600 machen soll. Auch wird die Notwendigkeit einer redaktionellen Autonomie in Frage gestellt und als Lösung so genannte News Desk eingeführt. Die sollen als Zentralstelle (von Essen aus) alle Redaktionen mit vorrecherchierten und vorformulierten Beiträgen versorgen. Pressekonferenzen sollen zukünftig in Vertretung aller anderen Redaktionen, nur mehr von einem Redakteuer besucht werden.
Was soll den WAZ-Redaktionen (übrig) bleiben?
Sie dürfen ihre Geschichten weiterhin selber auswählen. Hier ist die Auswahl natürlich eingeschränkt und misst sich an den angeboteten Themen aus den News Desks. Eine Auswahl setzt zudem voraus, dass mehr Beiträge von den News Desks geliefert werden können, als tatsächlich gedruckt werden.
Redaktionen dürfen Beiträge redigieren, wobei dies in der Praxis mit Sicherheit selten vorkommen wird, da die Beiträge von den News Desks in professioneller Qualität zu erwarten sind.
Selbstverständlich soll auch die Platzierung einer Story im Heft, den Redaktionen selbst überlassen sein. Hier also beispielsweise die Frage, ob ein Beitrag auf Seite xy nach rechts oben oder links unten kommen soll.
Vorgefertigte News Desk-Beiträge dürfen eigenmächtig kommentiert werden. Abweichende Kommentare dürften in den 4 Zeitungen jedoch nicht zu erwarten sein, da das jeweilige News Desk eine Meinung bereits vorgibt.
Tja. WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz betitelt die Umstrukturierungsmaßnahmen als eine Aktion für den “Qualitätsjournalismus“. Das Ganze wirft aber sofort eine Frage auf: Warum alle 4 Titel fortführen und die zu erwartende “Qualität” verteilen?
Die WAZ-Gruppe plant mit ihren Maßnahmen tatsächlich für die Zukunft. Eine Zukunft, die Expansion bedeutet in andere Bundesländer, Rundfunk und Fernsehen. Wo Bertelsmann, Springer usw. heute sind, will die WAZ eines Tages hin. Gut einen Geschäftsführer aus der Politik (SPD, ehemals Wirtschaftsminister in NRW und Kanzleramtsleiter) an ihrer Spitze zu haben. Gut für heimelig und sympathisch wirkende Expansionsmaßnahmen eine (formale) Meinungsvielfalt und Titelvielfalt präsentieren zu können. Das macht sich gut bei Kartellamt und Lokalpolitik. Die Probleme der WAZ-Redaktionen löst das natürlich nicht.
Dabei haben sie schon eine potenzielle Lösung im Haus: Das Online Zeitungsportal Der Westen. Der Wert der Inhalte ist vorsichtig ausgedrückt diskutabel und so gut wie auf allen anderen News-Seiten besser aufbereitet. Tatsächlich hat “Der Westen” jedoch einen Charme, den ich nur vom Poeler Inselblatt und anderen Lokalblättern kenne - das zwischendurch im Internet zu finden, ist eigentlich sehr schön.
Am 15.11.2008 titelte Spiegel Online: Zeitungskrise in den USA. Darin berichtet das Online Magazin, wie Zeitungen in den USA eingestampft werden, Redaktionen geschlossen werden und viele Zeitungen zukünftig nur noch im Internet erscheinen sollen. Huch, wieso denn das? “Christian Science Monitor”-Chefredakteur John Yemma hat darauf eine sehr überzeugende Antwort: “Tägliche Print-Ausgaben sind zu teuer geworden“.
Online-Ausgaben entweder ausschließlich oder in Kombination mit Print-Versionen können die Alternative für Verlage und Zeitschriftenbetreiber sein. Print ist schlicht auf dem Weg zu einem Luxus-Produkt zu werden. Tatsächlich ist sogar zur erwarten, dass die Online-Version einer Publikation die Printversion finanziert. Blogs und News-Portale sind bereits eine etablierte Alternative zu klassichen Medien.

